Macht Geld allein glücklich? Facetten der Wertschätzung

In der Pflege ist der Schrei nach Wertschätzung lauter denn je. Gesundheitsminister Spahn kündigte an, dass er vier Milliarden Euro mehr für Pflegende (in der Altenpflege) ausgeben will. Doch reicht Geld allein aus, um dem Pflegenotstand, der Fluktuation und der außerordentlichen Belastung in der Pflege samt allen zusätzlichen Herausforderungen durch die Pandemie zu begegnen? Geld ist wichtig, doch Wertschätzung hat diverse Facetten. Dies ist eine gute Nachricht, denn statt lediglich auf Politik und Gesellschaft zu schimpfen, sind viele Veränderungen für Krankenhäuser durchaus machbar und in Eigenregie zu stemmen.

Wertschätzung-Pflege-Facetten-Geld-Motivation
Arme Pflege? Warum Geld allein die Pflegekrise nicht lösen wird
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Arme Pflege? Warum Geld allein die Pflegekrise nicht lösen wird

Gewerkschafter*innen nutzten den diesjährigen Tag der Pflege am 12. Mai, um der Gesundheitspolitik die Rote Karte zu erteilen. Unsicherheit und Unzufriedenheit bleiben unverändert, so der Vorwurf. Der anfängliche Applaus für die Pflege sei längst verebbt. Vielerorts wurde der Corona-Bonus zur Farce oder kam gar nicht bei denjenigen an, die ihn verdient hätten. Mittlerweile denkt jede dritte Pflegekraft darüber nach, den Beruf zu wechseln. Dieser Trend gilt trotz der steigenden Zahlen an Rückkehrer*innen, Neueinsteigenden und der Unterstützung aus dem Ausland.

Unsere Hypothese: Die Pflegereform verlangt viel mehr als die Umverteilung finanzieller Mittel. So lange gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Keyplayer dem Irrglauben erliegen, erhöhte Budgets seien der alleinige Heilsbringer, kann sich nicht wirklich etwas zum Besseren ändern. Wer als Entscheidungsträger*in in der Pflege ernsthafte Veränderungen bewirken will, dem empfehlen wir die Studie „Moral transgressions corrupt neural representations of value“ von M. Crockett, J. Siegel, Z. Kurth-Nelson, P. Dayan und R. Dolan.

Wann eine Gehaltserhöhung glücklich macht – und wann nicht

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Eine wichtige Erkenntnis der Studie: Ob Geld zufrieden und glücklich macht, hängt von der Art und Weise ab, WIE ein Mensch sein Geld verdient. Überlegen Sie für sich selbst: Wenn Sie stolz auf Ihre Arbeit sind, weil Sie Ihr Geld ehrlich und gewissenhaft verdienen, so macht es Sie glücklich. Wenn Sie sich jedoch als Opfer oder Täter*in im System fühlen und gemäß Ihrer subjektiven Wahrnehmung Ausbeutung, Manipulation, Lügen und moralisch verwerfliche Vorgehensweisen erleben, vertreten oder erdulden müssen, so kann eine Gehaltserhöhung Sie leider nicht glücklich machen.

Pflegekräfte sind doppelt so lange krankgeschrieben wie andere Berufsgruppen, beziehen doppelt so häufig Erwerbsminderungsrente und suchen sich durchschnittlich nach siebeneinhalb Jahren einen anderen Beruf. An der Bezahlung allein liegt das nicht, denn auch andere Berufe sind schlecht bezahlt. Doch in kaum einer anderen Branche dürfte die emotional erlebte moralische Verletzung so hoch sein wie in der Pflege.

Gerade Pflegende haben einen sehr sensiblen ethisch-moralischen Kompass und leiden, wenn sie gegen ihr eigenes Gewissen handeln müssen. Als Reaktion auf unseren letzten Blogbeitrag „Pflexit im OP: Warum hochmotivierte Fachkräfte kündigen“ schrieb uns eine OP-Kraft: „Ich hatte 2009 bei meinem Arbeitgeber nach 29 Jahren gekündigt, weil ich für Putzarbeiten und Auftragsmord zu gering bezahlt wurde. Das klingt vielleicht ein bisschen krass, aber es wird gnadenlos ALLES operiert, was auch nur am Haupteingang eines Krankenhauses vorbeischleichen will. Warum? Weil es abgerechnet werden kann. Medizinische, ethisch-moralische oder einfach nur menschliche Gründe, nicht in jemanden reinzuschneiden, werden unter den Teppich gekehrt. Im OP wird das Geld gemacht und das ist alles, was zählt. Ich hatte Arbeitskollegen, die an ihrem Gewissen am Ende zerbrochen sind.

Uns ist bewusst, dass politisch korrekte Formulierungen anders klingen. Doch dieses Originalzitat spiegelt ein subjektives Empfinden wider, das dringend ernst genommen werden muss. So lange das Gesundheitssystem vielerorts noch moralische Verletzungen und gefühlte Ausbeutung, Manipulation und ethisch verwerfliche Vorgehensweisen duldet, können Spahns Finanzspritzen allein keinen Erfolg haben.

Doch was sind moralische Verletzungen?

In der Pflege sind vielen Menschen die ideellen Werte mindestens genauso wichtig wie die materiellen. Es geht um einen sinnvollen Verdienst des Lebensunterhalts und darüber hinaus auch um Menschlichkeit, Empathie, Mitgefühl und Ehrlichkeit. Drei typische Beispiele für moralische Verletzungen in der Pflege:

  1. Sich schlecht vorbereitet und allein gelassen fühlen: Dies ist der Fall, wenn in der Nachtschicht drei unerfahrene OP-Kräfte nur drei Fachdisziplinen beherrschen, aber im Ernstfall fünf Bereiche abdecken müssen.
  2. Schlechte Entscheidungen selbst treffen müssen: In Deutschland muss sich eine Pflegekraft im Durchschnitt um 13 Patient*innen kümmern und im Zweifelsfall entscheiden, wer keine Pflegezuwendung bekommt, obwohl sie benötigt wird.
  3. Schlechte Entscheidungen anderer vertreten müssen: Dies beinhaltet, Dinge zu unterlassen, die richtig wären, weil sie durch die DRGs nicht abgebildet werden oder aber andere unwichtige Dinge tun zu müssen, weil das Krankenhaus diese abrechnen kann.

Es wird deutlich: Gehaltserhöhungen machen glücklich, aber nicht dauerhaft. Sie steigern nur dann Ihre Zufriedenheit, sofern Sie Ihr Geld ohne moralische Bedenken, ehrlich, stolz und mit gutem Gewissen verdienen und dabei weder ausbeuten noch ausgebeutet werden. Gehören moralische Verletzungen langfristig zum Arbeitsalltag dazu, so führt dies systematisch in die Krankheit und in die Kündigung, Spahns Finanzspritzen hin oder her. Das gilt ganz besonders für die Pflege.

Tipps für Führungskräfte: Nutzen Sie die Facetten der Wertschätzung

Facetten der Wertschätzung
Tipps für Führungskräfte: Nutzen Sie die Facetten der Wertschätzung!

Monetäre Zuwendungen allein können somit den lauten Schrei nach Wertschätzung niemals ersticken. Führungsaufgabe ist es, ein Umfeld zu kreieren, indem Pflegende und Patient*innen gleichermaßen ihre menschliche Würde behalten können. Dazu gehören gemäß unserer jahrzehntelangen Consulting-Erfahrung die folgenden Faktoren:

Zeit

Damit Pflegende ihren Job gut machen können, benötigen sie vor allem Zeit. Diese fehlt, wenn schlechte Prozesse, Standards und Strukturen das Zeitkontingent der Fachkräfte verschlingen und am Ende bei den Patient*innen fehlt. Sorgen Sie durch bewährte Lean-Management-Prozesse dafür, dass das Krankenhaussystem die Pflegenden entlastet, statt sie zusätzlich zu belasten und über kurz oder lang in die Kündigung zu treiben.

Moral

Kein Mensch mag es, gegen die eigenen Moralvorstellungen verstoßen zu müssen. Wenn zum Beispiel aus Zeitgründen die Desinfektionsmittel im OP nicht trocknen können, verursacht dies Stress, denn es geht um Hygiene und Patient*innensicherheit. Moralische Bedenken ernst zu nehmen ist ein wichtiger Pfeiler der Wertschätzung.

Sicherheit

Sicherheit hat viele Aspekte, unter anderem geht es dabei um das eigene Wissen und die Kompetenzen. Wer Geräte bedienen soll, ohne eine korrekte Einweisung bekommen zu haben oder auf die Gynäkologie spezialisiert ist und plötzlich in der Neurochirurgie assistieren soll, fühlt sich zu Recht überfordert. Investieren Sie in die Weiterbildung und Spezialisierung von Pflegenden, damit diese sich sicher fühlen und stolz auf sich und ihre Fertigkeiten sein können. Bei modernen Smart-Hospital-Ansätzen geht es nicht nur um Erleichterungen durch die Digitalisierung, sondern vor allem um die Investition in den Menschen. Viele Pflegende empfinden es als Wertschätzung, wenn in sie, ihre Kompetenzen, Sicherheit und Weiterbildung investiert wird und man nicht auf dem Abstellgleis landet.

Führungskultur

Der renommierte Führungsexperte, Buchautor und Benedektinermönch Pater Anselm Grün sagte: „Führen heißt für mich, so mit anderen Menschen umzugehen, dass sie von der Führungskraft aufrechter weggehen als sie zur ihr gekommen sind.“ Dieser wertschätzende und menschliche Anspruch der Führung ist mit der Einführung der DRGs vielerorts unter die Räder gekommen. Pflegekräfte rochieren wie Schachbrettfiguren und sollen gefälligst funktionieren. Doch wie bereits die große JR-OP-Personalstudie 2017/2018 bestätigt, wünschen sich Pflegende im OP, bei Entscheidungen, die ihren Arbeitsbereich betreffen, gehört und mit eingebunden zu werden.

Gegenseitige Unterstützung

Forscher*innen der Harvard University kommen über Jahre hinweg immer wieder zu demselben Ergebnis: Noch wichtiger als das Geld sind die sozialen Beziehungen für das persönliche Glücksempfingen. Menschen sind umso glücklicher, je besser die Qualität ihrer sozialen Beziehungen ist, so das Ergebnis. In Kliniken geht es darum, ob man sich gegenseitig hilft und unterstützt oder sich gegenseitig den schwarzen Peter zuschiebt und sich Vorwürfe macht. Es geht aber auch darum, dass man nach Dienstschluss noch Zeit und Energie für Freund*innen und Familie hat und nicht komplett ausgebrannt ist.

Fazit

Geld allein reicht nicht aus, um die Pflegekrise zu bewältigen. Wertschätzung hat viele Facetten, wie zum Beispiel Zeit für die eigentliche Pflegearbeit, der eigenen Moral treu bleiben können, sich sicher fühlen, gefördert werden, gehört werden, mitentscheiden dürfen und in einem unterstützenden sozialen Umfeld arbeiten. Nicht alle Faktoren unterliegen der Politik und der Gesellschaft, viele Veränderungen sind für Krankenhäuser durchaus machbar und in Eigenregie zu stemmen.

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