Stellen Sie sich vor, Sie hatten vor fünf Tagen eine Hüft-OP. Sie nehmen immer noch starke Schmerzmittel, können sich kaum bewegen und brauchen für jeden Schritt Krücken. Der Arzt sagt Ihnen jedoch: „Alles klar, Sie sind entlassen, Sie können nach Hause!“ Zu Hause sind Sie alleine, Sie haben niemanden, der Sie unterstützen könnte. Und die Reha fängt erst in zwei Wochen an. Wie würden Sie sich da fühlen? Die Antwort dürfte klar sein: ziemlich elend. Sie sind krank und hoffen auf die Unterstützung und die Pflege im Krankenhaus, bis Sie wieder ohne Hilfe zurechtkommen – stattdessen werden Sie quasi vor die Tür gesetzt.

Kliniken müssen betriebswirtschaftlich denken und handeln

Vor 15 Jahren war die Welt noch in Ordnung: Die Mitarbeiter und die Verantwortlichen in den Klinken gaben den Patienten Zeit, sich von ihrer Krankheit zu erholen. Dann wurden die DRG eingeführt, die diagnosebezogenen Fallgruppen, und alles änderte sich. Das Gesundheitssystem heute sieht es nicht mehr vor, dass Patienten so lange Unterstützung und Pflege erhalten, bis sie wieder alleine zurechtkommen. Die Kliniken trachten vielmehr danach, über die Verkürzung der Liegezeiten ihren Erlös zu sichern oder zu steigern. Zwar wollen die Klinken ihrem Versorgungsauftrag – Patienten zu heilen –nachkommen, aber die Rahmenbedingungen dafür sind deutlich härter. Kliniken sind jetzt Unternehmen, die unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten agieren müssen. Viele gehen unter dem massiven Kostendruck in die Knie, alle stehen im Wettbewerb zueinander. Leistungen müssen gesteigert werden, die Arbeit wird auf immer weniger Schultern verteilt.

Die IST-Situation in deutschen OP-Sälen

Es gibt einige Zahlen, die in den letzten Jahren gestiegen sind:

  • Pflegebedürftige Menschen: von 2,4 Mio. auf 4 Mio.
  • Anzahl der OPs: von knapp 2 Mio. auf 2,8 Mio. (in den Jahren 2004–2014)
  • Personalbelastung, Personalausfälle, Krankenstände und Kosten für das Krankenhaus

Etliche Zahlen sind gesunken:

  • Personalbesetzung: um 21 %; über 200.000 Fachkräfte werden bis 2020 in den Kliniken und Krankenhäusern fehlen; fast 40 Prozent der Kliniken greifen mittlerweile auf externe Fachkräfte zurück – dennoch herrscht immer noch Personalnotstand.

Kostensparen hat verheerende Effekte

Eines steht fest: Krankenhäuser sind Dienstleister, und ihre Dienstleistung ist extrem personalintensiv. Fast 70 % der Kosten eines Krankenhauses sind Personalkosten. Hier einzusparen, bringt sofort einen Effekt, deshalb greifen auch so viele Kliniken darauf zurück. Aber die Konsequenzen auf die Qualität der Versorgung und Pflege sind verheerend. Kliniken versuchen sich auch zu entlasten, indem sie externe Kräfte engagieren. Die Personalabteilung feiert dies als Erfolg – und hebt die Sachkosten in den Einkauf, der noch mehr Druck bekommt, Kosten zu sparen. Das ist ebenfalls ein Teufelskreis ohne sinnvolle gemeinsame Lösung.

Auch bei den Investitionen sparen viele Krankenhäuser, sodass es an vielen Stellen schon einen Investitionsstau gibt. Natürlich müssen Kliniken modernisiert und auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden, um so die bestmöglich Versorgung zu gewährleisten – doch da hören die Kosten nicht auf! Ohne eine entsprechende Infrastruktur und Qualifizierung des Personals rutschen die Klinikbetreiber weiter in das finanzielle Desaster, weil die Technik nicht angewendet werden kann.

Wertewandel zum Wohl der Mitarbeiter initiieren

Ein schlanker und kosteneffizienter Betrieb ist sehr positiv, keine Frage. Gesundsparen auf Kosten des Personals um jeden Preis funktioniert aber dauerhaft nicht. Es kann nicht sein, dass Kosten wichtiger sind als die Menschen! Viele Klinken werden in ein paar Jahren extreme Probleme bekommen. Wir merken das daran, dass wir mittlerweile täglich Anrufe oder Zuschriften von Menschen bekommen, die 10 Jahre und länger im OP arbeiten. Diese Menschen klagen nicht über schlechte Bezahlung – sondern über mangelnde Wertschätzung. Ihnen macht Sorgen, dass Quantität statt Qualität zählt. Sie kritisieren mangelnde Qualifizierung des Personals zu Lasten der Patientensicherheit, sie bemängeln fehlende Nachwuchskräfte. Sie frustriert, dass sie permanent mit der Ausbildung und Wissensvermittlung beschäftigt sind und viele Stelle unbesetzt bleiben. Sie fühlen sich von der Politik im Stich gelassen.

Die Folge: Sie kündigen innerlich oder tatsächlich. Fachwissen, das sie sich in über zehn Jahren oder noch länger angeeignet haben, geht so verloren.

Die Lösung kann nur darin liegen, einen Wertewandel zum Wohl der Mitarbeiter in den Kliniken zu initiieren. Es braucht Mitarbeiter, die stolz darauf sind, für „ihr“ Krankenaus arbeiten zu können – und zum Wohle der Patienten. Denn wenn sich heute jemand für einen Beruf entscheidet, will er wertgeschätzt und wahrgenommen werden, er möchte Leistung zeigen, im Team arbeiten, eine neue berufliche Heimat finden und seine Lebensvorstellung mit der Arbeit in Einklang bringen. Diesen Wandel müssen die Kliniken anstoßen und vorantreiben! Das schönste Krankenhaus nützt nichts, wenn keiner mehr darin arbeiten möchte!