Warum der Geschäftsführer im OP willkommen sein sollte

 

 

Organe aus dem 3D-Drucker, ferngesteuert-computerbasierte Eingriffe oder Vitaldatenüberwachung via App: Die Zukunftsszenarien, die der VDE (Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e. V.) für den OP im Jahr 2050 zeichnet, klingen spektakulär und visionär zugleich. Wir sprechen mit Herrn Dr. Konrad Rippmann, dem Geschäftsführer der LOHMANN konzept GmbH, über aktuelle Trends, Innovationen und Digitalisierung im OP. Dr. Rippmann startete als Facharzt für Chirurgie und erlebte den OP-Alltag selbst als Klinikarzt, bevor er nach weiterführendem Studium (Projektmanagement und Organisationsentwicklung im Gesundheitswesen) in die Beratung wechselte. Er berichtet über seine langjährigen Erfahrungen und praktischen Ansätze im Klinik-Consulting – auch im OP-Bereich.

Herr Dr. Rippmann, Ersatzorgane aus dem Drucker, EKG-Kontrolle via App oder OP-Überwachung vom Homeoffice aus: Wie realistisch sind solche Visionen aus Ihrer Sicht?

Bei solchen Zukunftsvisionen sprechen wir über die Kür, über Potentiale und Möglichkeiten. In meiner täglichen Arbeit beginne ich auf dem Boden der Realität und arbeite mit dem Status quo, den ich in Krankenhäusern vorfinde. Viele Krankenhäuser wissen, dass der OP-Bereich der Motor des Krankenhauses ist, der maßgeblich über den medizinischen und wirtschaftlichen Erfolg entscheidet. Dennoch wird der OP-Bereich häufig immer noch als alleiniges ärztliches Herrschaftsgebiet betrachtet und findet bei der kaufmännischen Direktion nicht ausreichend Beachtung. Die ersten Schritte, um den Weg für die Zukunft und die Digitalisierung des OPs zu ebnen, sind die Verbesserung der Arbeitsorganisation und die Entbürokratisierung.


Erzählen Sie uns mehr über Ihre Beobachtungen.

In vielen OP-Betrieben gibt es nicht zu wenige, sondern zu viele Strukturen. Häufig wird die Arbeitsvorbereitung noch manuell durchgeführt und die OP-Schwester hat tatsächlich noch einen Papierzettel in der Tasche, um anschließend eine Excel-Tabelle zu pflegen und die OPs für den nächsten Tag zu planen. Dabei sind die Tools und Möglichkeiten zur Veränderung da, um die wertvollen OP-Minuten zu nutzen und die Verschwendung von Ressourcen gering zu halten.


Es scheint, als ob der OP besonders resistent gegen Veränderungen ist.

Veränderung erfordert Mut. Ressourcen wurden in der Vergangenheit häufig nach Herrschaftsgebieten aufgeteilt und nicht nach Bedarf. Hier ist ein Umdenken gefragt, um mit knappen Ressourcen gut hauszuhalten. Dabei hilft die Digitalisierung. Sie kann die Arbeitsorganisation vereinfachen und beflügeln. Ein Paradebeispiel dafür ist die ACQUA Klinik in Leipzig mit den Errungenschaften von Prof. Dr. Gero Strauß, Leiter des Fachbereichs HNO am KOPFZENTRUM und Senior-Chirurg an der ACQUA Klinik.

Auf der Homepage der ACQUA Klinik kann der potentielle Patient sogar seinen OP-Termin selbst online wählen und festlegen. Online-Buchungen kennen wir von Restaurants, beim Friseur oder in der Service-Werkstatt zum Reifenwechseln. Doch wie gelingen die Transparenz und die Systematisierung in medizinisch hochspezialisierten Bereichen?

An der ACQUA Klinik hat Professor Strauß Methoden für die Strukturierung der Medizin entwickelt sowie komplett neue und effiziente Prozesse geschaffen. Realität in vielen Kliniken ist, dass montags anders operiert wird als donnerstags, da unterschiedliche Fachärzte ihre eigenen Gewohnheiten, Techniken und Standards haben. Aus Patientensicht ist die fehlende Transparenz und Nachvollziehbarkeit unhaltbar.


Wie lassen sich verbindliche Standards schaffen?

Kerninstrument der Strukturierung ist eine digitale Plattform, bei der ein Roboter vorsagt, was als Nächstes zu tun ist. Die digitale Unterstützung lässt sich vergleichen mit der Hilfestellung, die der Autofahrer durch das Navigationsgerät im Fahrzeug erhält. Der Autofahrer bleibt Steuermann, trifft die Entscheidungen und trägt die Verantwortung, doch die digitale Unterstützung minimiert Fehlentscheidungen. Im OP sorgt der Roboter dafür, dass einzelne Prozessschritte in sinnvoller Reihenfolge zeitlich berücksichtigt und nicht vergessen werden können. Wichtig ist dabei, dass der Chirurg jederzeit Herr des Geschehens bleibt.


Welche weiteren Vorteile ergeben sich durch diese digitale Unterstützung im OP?

Die Qualität verbessert sich, da die Standards verbindlich sind. Die digitale Umgebung ermöglicht darüber hinaus Simulationen und Trockenübungen. Ein weiterer Vorteil ist, dass das Anlernen leichter und schneller möglich ist. Die Ausbildung kommt vielerorts zu kurz und solche Methoden helfen, Know-how zu sichern und systematisch weiterzugeben.


Lassen Sie uns zusammenfassen: Um den OP fit für die Zukunft zu machen, sollten Kliniken zuerst strukturieren, dann standardisieren und anschließend digitalisieren?

Ja, wobei das Strukturieren die Unterstützung der OP-Organisation beinhaltet. Häufig scheitert es an althergebrachten Gewohnheiten, Kulturen und Mentalitäten. Erst wenn Konsens über neue und wünschenswerte Strukturen herrscht, beginnt die Standardisierung. Es gilt, bei möglichst vielen medizinischen Eingriffen durch das strukturierte Vorgehen Einigkeit herbeizuführen. Anschließend hilft die technische Unterstützung aus der digitalen Welt, die Reproduzierbarkeit bewährter Standardtechniken zu gewährleisten.


Was hindert Kliniken daran, schon heute mit dem ersten Schritt der Strukturierung zu beginnen?

Viele Kliniken erkranken an Projektitis und leiden unter zu vielen Vorhaben, die parallel umgesetzt werden sollen und deren Erfolge sich nicht abzeichnen. Dadurch werden die Mitarbeiter müde und resignieren. Es ist wichtig, Erwartungen zu klären und ernst zu nehmen. Ein gutes Projekt beginnt mit einem Nutzenversprechen, dass am Ende des Projekts erfüllt sein muss. Es muss geklärt sein, wie der Nutzen gemessen und bewertet wird. Die realistische Aussicht auf mittelfristige Verbesserungen spornt an.


Schüren die neuen Techniken nicht auch Ängste?

Durchaus, doch die beste Technik wird den Arzt niemals ersetzen, sondern unterstützen. Im Gegenteil: Die ärztliche Kompetenz wird immer wichtiger, und es ist an der Zeit, technische Möglichkeiten auszuschöpfen, um zukünftig auch neue Indikationen zu ermöglichen. Wie in der Medizin kommt es auch bei der Digitalisierung auf die richtige Dosis an, um Aversionen und unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden.


Zu Beginn sprachen Sie über die kaufmännische Welt der Geschäftsführung und das medizinische OP-Reich der Ärzte. Ihr Appell zum Schluss?

Medizin und Ökonomie sind kein Widerspruch, sondern zwei Seiten der gleichen Medaille. Es gilt, die immer wieder aufkeimende Feindschaft zwischen Medizin und Management im Auge zu behalten. Investitionen in die Digitalisierung des OPs sorgen für die Konkurrenzfähigkeit und stellen die Patientensicherheit in den Fokus. Mein Appell an die Mediziner lautet, sich mehr mit den wirtschaftlichen Überlegungen der Geschäftsführer zu befassen. Mein Appell an die Geschäftsführung ist, das Heiligtum OP zu besuchen und sich selbst ein Bild von den dortigen Nöten und besonderen Bedingungen zu machen. Beide Parteien sind gefordert, immer wieder aktiv für gegenseitiges Verständnis und Respekt zu sorgen, denn Erfolg ist immer eine Teamleistung.

Herr Dr. Rippmann, vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Interview mit Dr. Konrad Rippmann

Warum der Geschäftsführer im OP willkommen sein sollte